Wenn Förster selektiv fällen: Ein altes Prinzip wird zur modernen Lösung
Klimawandel, Sturmschäden, Borkenkäfer: Bayerns Wälder sind unter Druck. Jahrzehntelang dominierten Fichtenmonokulturen, gepflanzt für schnelles Wachstum und maximale Holzernte. Doch diese Wälder sind verwundbar. Sie brechen unter Trockenstress ein, fallen Schädlingen zum Opfer oder kollabieren unter Extremwettereignissen. Viele Experten sehen sie heute als Risikoanlagen der Forstwirtschaft (BR, 2023).
Doch im Westallgäu existiert eine alte, kaum bekannte Gegenwelt: die sogenannten Plenterwälder. Hier fällt man nicht flächig, sondern einzelstammweise, dort, wo es sinnvoll ist – und wo neues Leben danach wieder gedeihen kann. Diese naturnahe Bewirtschaftung hat eine lange Tradition, ist besonders stabil und trotzt den Herausforderungen unserer Zeit.
Der Zustand der Wälder: Ein strukturelles Problem
Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man in Bayern leistungsfähige Wirtschaftswälder schaffen. Ziel war eine möglichst gleichaltrige, einheitlich nutzbare Waldstruktur – vorzugsweise aus Fichte, die rasch wächst und gut verarbeitbar ist (Wikipedia, 2024). Doch genau diese Homogenität ist ihre Schwäche: Ein Käfer genügt, um hunderttausende Bäume zu vernichten. Und: Fichten sind Flachwurzler, bei Stürmen besonders anfällig. Die Klimakrise verschärft diese Probleme.
Laut BR-Bericht (2023) fordern Fachleute längst einen Wandel. Doch das Wissen um naturnahe, kleinteilige Bewirtschaftung wie das Plentern ist rar geworden – es wird kaum noch gelehrt, noch seltener gelebt. Nur etwa 2 % der bayerischen Wälder gelten noch als echte Plenterwälder (Allgäuer Zeitung, 2023).
Das Plentern: Eine Kunst, die Generationen braucht
Beim Plentern wird nicht flächig, sondern punktuell und selektiv geerntet. Ein Förster oder Waldbesitzer begutachtet den Bestand, sucht gezielt einzelne, reife Bäume aus und fällt sie. So bleibt der Waldbestand strukturell intakt: Ältere Bäume spenden Schatten, junge keimen im Unterwuchs, die natürliche Verjüngung funktioniert – ganz ohne Kahlschlag oder künstliche Pflanzungen (Wikipedia, 2024).
Entscheidend ist die richtige Baumart: Weißtannen etwa sind schattentolerant und eignen sich ideal. Ebenso wichtig: Menschen mit Erfahrung. Denn Plenterwirtschaft ist Waldlesen, nicht Waldrechnen – man muss sehen, was der Bestand braucht.
Die Familie Boch: Generationenwissen im Bergwald
Ein herausragendes Beispiel für diese Form des Waldbaus ist die Familie Boch aus Scheidegg im Westallgäu. Markus Boch bewirtschaftet zusammen mit seinem Vater Johann 23 Hektar Bergwald – mit einer Mischung aus Weißtanne, Fichte, Buche und Bergahorn. Was auf den ersten Blick wie ein unberührter Naturwald wirkt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis jahrzehntelanger, präziser Arbeit (Allgäuer Zeitung, 2023a).
Markus Boch ist nicht nur Waldbauer, sondern auch Forstunternehmer, Jäger, Landwirt, Gemeinderat und Multiplikator der Bergwaldoffensive – eine Initiative des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Kempten. Er vertritt die Philosophie des „plenternden Denkens“ nicht nur auf seinem Grund, sondern in zahlreichen Forstprojekten der Region (AllgäuHIT, 2023).
Seine Familie betreibt die Plenterwirtschaft seit mehreren Generationen. Das Wissen wird weitergegeben – durch Beobachtung, durch Tun. „Wir brauchen keinen Kahlschlag, unser Wald wächst mit uns“, sagt Boch.
Fakten zur Bewirtschaftung
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23 Hektar Fläche, davon 50 % Weißtanne, 40 % Fichte, 5 % Buche, 5 % Bergahorn
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Durchschnittlicher Zuwachs: ca. 12 m³ je Hektar und Jahr, Nutzungsrate liegt nahe dem Zuwachs
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Eingesetzte Technik: Motorsäge, Seilwinde, Rückeschlepper – schonend für Boden und Bestand
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Holzvermarktung über die Waldbesitzervereinigung Westallgäu e. V. mit ca. 2.400 Mitgliedern
2023 wurde Markus Boch mit dem Bayerischen Staatspreis für vorbildliche Waldbewirtschaftung ausgezeichnet – für seinen naturnahen, wirtschaftlich tragfähigen und klimapositiven Waldumbau (AllgäuHIT, 2023).
Die Bergwaldoffensive: Hilfe zur Selbsthilfe
Ein wichtiger Partner dabei ist die Bergwaldoffensive (BWO). Seit 2009 unterstützt die Initiative Waldbesitzer in sensiblen Lagen: mit Schulungen, technischer Ausrüstung und Fördergeldern – etwa 12 € pro geerntetem Festmeter in Plenterwäldern (Merkur, 2024). Vor allem der AELF-Kempten-Förster Florian Schwarz treibt diese Entwicklung voran und begleitet Projekte vor Ort.
Ein Beispiel: In einem Projektgebiet bei Scheidegg wurden auf sechs Hektar rund 500 Festmeter Holz geerntet – ohne Schäden am Bestand, rein durch Einzelstammentnahme. Die natürliche Verjüngung setzte unmittelbar ein (Merkur, 2024).
Warum Plenterwälder Zukunftswälder sind
Plenterwälder erfüllen nahezu alle Kriterien, die Experten heute für „klimaresiliente Wälder“ formulieren:
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Strukturvielfalt
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Artenmischung
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stabile Altersverteilung
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Wenig Pflegebedarf
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Hohe Biodiversität
Die ökonomischen Vorteile sind ebenfalls klar: Durch permanente Einzelstammentnahme bleibt der Ertrag über Jahre stabil. Holz lässt sich flexibel vermarkten – das senkt Risiko. Zugleich bleibt der Wald Schutzwald, Lebensraum und CO₂-Speicher (Digitalmagazin, 2023).
Fazit: Alte Wälder, neue Relevanz
Plenterwälder sind kein romantisches Fossil, sondern ein funktionierendes Modell. Sie zeigen, wie naturnahe Bewirtschaftung gelingen kann – ökologisch, wirtschaftlich, generationenübergreifend. Die Arbeit von Menschen wie Markus Boch beweist: Zukunftswälder müssen nicht neu erfunden werden – wir müssen nur wieder lernen, sie zu pflegen.
Quellen (Harvard Style)
AllgäuHIT (2023): Markus Boch aus Scheidegg gewinnt Bayerischen Waldpreis, AllgäuHIT, 21.09.2023. Verfügbar unter: https://allgaeuhit.de/westallgaeu-scheidegg-markus-boch-aus-scheidegg-gewinnt-bayerischen-waldpreis-article10062626 [Zugriff am 05.08.2025].
Allgäuer Zeitung (2023a): Markus Boch erhält Staatspreis – Auszeichnung für einen Anwalt des Waldes, Allgäuer Zeitung. Verfügbar unter: https://www.allgaeuer-zeitung.de/weiler/markus-boch-aus-scheidegg-erhaelt-staatspreis-auszeichnung-fuer-einen-anwalt-des-waldes-103535479 [Zugriff am 05.08.2025].
Allgäuer Zeitung (2023b): Plenterwald im Westallgäu: Was diese besondere Waldform auszeichnet, Allgäuer Zeitung. Verfügbar unter: https://www.allgaeuer-zeitung.de/allgaeu/plenterwald-im-westallgaeu-was-diese-besondere-waldform-auszeichnet-103493497 [Zugriff am 05.08.2025].
Bayerischer Rundfunk (2023): Klimaresistente Wälder im Westallgäu längst Realität, BR24, 16.03.2023. Verfügbar unter: https://www.br.de/nachrichten/bayern/klimaresistente-waelder-im-westallgaeu-laengst-realitaet%2CUNPvG8j [Zugriff am 05.08.2025].
Digitalmagazin (2023): Begeisterung für den Plenterwald – Der Baum im Plenterwald, Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt, Okt. 2023. Verfügbar unter: https://www.digitalmagazin.de/marken/blw/unser-allgaeu/2023-10/unser-allgaeu/006_begeisterung-fuer-den-plenterwald [Zugriff am 05.08.2025].
Merkur (2024): Plenterwälder leben von der Holznutzung, Münchner Merkur, 10.01.2024. Verfügbar unter: https://www.merkur.de/bayern/schwaben/sonthofen-oberallgaeu-kreisbote/plenterwaelder-aus-weisstanne-fichte-und-buche-leben-von-der-holznutzung-92127263.html [Zugriff am 05.08.2025].
Wikipedia (2024): Plenterwald, Wikipedia. Verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Plenterwald [Zugriff am 05.08.2025].