Der Seminarraum im schweizerischen Frick ist an diesem Nachmittag voller Landwirte, Wissenschaftler und Studierender. Auf der Leinwand erscheinen Grafiken über Bodenmikroben, Stickstoffkreisläufe und Ertragsvergleiche. Einer der Referenten spricht über ein Thema, das seit Jahrzehnten diskutiert wird: biodynamische Landwirtschaft.
Viele der Anwesenden arbeiten selbst mit biodynamischen Methoden. Andere analysieren sie wissenschaftlich. Beide Gruppen teilen ein Interesse – die Frage nach den Prozessen im Boden, die fruchtbare Landwirtschaft überhaupt erst ermöglichen.
Die Diskussion ist keineswegs neu. Seit der Einführung biodynamischer Landwirtschaft durch Rudolf Steiner im Jahr 1924 beschäftigt sie sowohl Praktiker als auch Wissenschaftler.
Doch trotz eines Jahrhunderts Erfahrung ist eine grundlegende Herausforderung geblieben: Biodynamische Landwirtschaft lässt sich nur schwer in klassische wissenschaftliche Experimente übersetzen.
Landwirtschaft als komplexes System
Ein landwirtschaftlicher Betrieb ist kein isoliertes Labor. Er ist ein komplexes System aus Boden, Pflanzen, Tieren, Mikroorganismen und klimatischen Einflüssen. Schon kleine Veränderungen können weitreichende Folgen haben.
Die moderne Agrarwissenschaft beschreibt Böden als hochdynamische Lebensräume. Ein Gramm fruchtbarer Erde enthält Milliarden Mikroorganismen – Bakterien, Pilze und Einzeller, die gemeinsam Nährstoffkreisläufe steuern (Lal 2020).
Biodynamische Landwirtschaft setzt genau hier an. Sie versucht, nicht nur Pflanzen zu versorgen, sondern die Lebensprozesse des Bodens zu stärken.
In wissenschaftlichen Experimenten stellt sich dabei ein Problem: Viele biodynamische Praktiken wirken nicht isoliert. Sie sind Teil eines Gesamtsystems.
Ein Betrieb, der biodynamisch arbeitet, verändert häufig mehrere Dinge gleichzeitig:
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Fruchtfolgen
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Kompostierung
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Tierhaltung
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Bodenbearbeitung
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Einsatz biodynamischer Präparate
Für die Forschung ist es schwierig, einzelne Effekte eindeutig zu isolieren.
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Wusstest du?
Weltweit existieren nur wenige landwirtschaftliche Experimente, die über mehrere Jahrzehnte laufen. Langzeitversuche sind teuer und organisatorisch aufwendig – liefern aber besonders wertvolle Daten über Bodenentwicklung und landwirtschaftliche Systeme.
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Kleine Mengen, große Fragen
Ein weiterer Punkt sorgt regelmäßig für Diskussionen: die extrem geringen Mengen biodynamischer Präparate.
Ein Beispiel ist das Präparat BD 500 (Hornmist). Oft werden nur wenige Gramm pro Hektar eingesetzt.
Aus agrarchemischer Sicht scheint diese Menge zunächst zu klein, um messbare Effekte im Boden zu erzeugen.
Doch biologische Systeme funktionieren oft anders als chemische Modelle. In der Natur können sehr kleine Mengen eine große Wirkung entfalten.
Hormone im menschlichen Körper wirken in Konzentrationen von wenigen Nanogramm. Auch Enzyme oder Mikroorganismen können Prozesse auslösen, die weit über ihre eigene Masse hinausreichen.
Einige Forscher vermuten deshalb, dass biodynamische Präparate eher als biologische Stimuli wirken könnten – etwa durch Mikroorganismen oder organische Moleküle, die während der Fermentation entstehen.
Analysen des Präparates BD 500 zeigen beispielsweise eine komplexe Mischung aus mikrobiellen Stoffwechselprodukten und organischen Humusbestandteilen (Spaccini et al. 2012).
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Wusstest du?
Erst seit etwa zwei Jahrzehnten ermöglicht moderne DNA-Sequenzierung einen umfassenden Blick auf Bodenmikroorganismen. Viele Arten waren zuvor wissenschaftlich völlig unbekannt.
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Neue Werkzeuge der Bodenforschung
Die Forschung zu biologischen Landwirtschaftssystemen hat sich in den letzten Jahren stark verändert.
Neue Methoden – etwa Metagenomik oder Hochdurchsatz-DNA-Sequenzierung – erlauben es Wissenschaftlern erstmals, ganze mikrobielle Gemeinschaften im Boden zu analysieren.
Solche Methoden zeigen, dass landwirtschaftliche Praktiken die Struktur dieser Gemeinschaften beeinflussen können.
Einige Studien berichten beispielsweise, dass biodynamische Komposte und Präparate Veränderungen in mikrobiellen Netzwerken hervorrufen können (Giannattasio et al. 2013).
Die Ergebnisse sind jedoch komplex. Böden reagieren stark auf Klima, Bodenart und Bewirtschaftungsgeschichte.
Gerade deshalb interessieren sich viele Forscher heute zunehmend für Systemforschung statt für einzelne isolierte Faktoren.
Dabei wird nicht nur ein einzelnes Präparat untersucht, sondern das gesamte landwirtschaftliche System.
Der Blick richtet sich also stärker auf langfristige Entwicklungen im Boden – und weniger auf kurzfristige Effekte einzelner Maßnahmen.
Quellen
Lal, R. (2020) Soil biodiversity and ecosystem services.
https://www.fao.org/3/cb1928en/cb1928en.pdf
Spaccini, R. et al. (2012) Molecular characteristics of biodynamic preparation 500.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22707205/
Giannattasio, M. et al. (2013) Microbiological features of biodynamic preparations.
https://link.springer.com/article/10.1007/s00374-013-0808-3
Steiner, R. (1924) Agriculture Course.
https://www.rsarchive.org/Lectures/GA327/English/RSP1974/19240607p01.html
Hinweis zur biodynamischen Praxis
Die biodynamische Landwirtschaft ist sowohl eine landwirtschaftliche Methode als auch eine spirituell-philosophische Praxis. Viele ihrer Wirkprinzipien – insbesondere im Zusammenhang mit biodynamischen Präparaten – können von der heutigen naturwissenschaftlichen Forschung noch nicht vollständig erklärt werden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass keine Wirkung existiert. Langfristige agrarwissenschaftliche Untersuchungen zeigen wiederholt positive Effekte biodynamischer Bewirtschaftung auf Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und ökologische Stabilität landwirtschaftlicher Systeme.
Die Frage ist daher weniger, ob diese Methoden wirken, sondern vielmehr, ob unsere aktuellen wissenschaftlichen Modelle bereits alle Prozesse lebendiger Böden vollständig verstehen. Bei The Garden in the Woods suchen wir immer wieder Kontakt und Austausch zu Forschern in dem Bereich Forst- und Agrarforschung.