An einem kühlen Herbstmorgen auf einem biodynamischen Hof in Mitteleuropa kniet ein Landwirt am Rand eines Feldes. In der Hand hält er ein unscheinbares Objekt: ein getrocknetes Kuhhorn. Wenige Minuten später verschwindet es im Boden. Für Außenstehende wirkt dieser Moment unspektakulär. Für viele biodynamische Landwirte markiert er jedoch den Beginn eines der zentralsten Prozesse ihrer Landwirtschaft.
Das Präparat, das hier entsteht, trägt die Bezeichnung BD 500 – Hornmist. Seit einem Jahrhundert gehört es zu den grundlegenden Werkzeugen biodynamischer Landwirtschaft. Seine Herstellung ist einfach, seine Anwendung minimal – und doch gehört es zu den am meisten diskutierten Methoden nachhaltiger Landwirtschaft.
Die Idee stammt aus dem Jahr 1924. Damals hielt der österreichische Philosoph und Naturforscher Rudolf Steiner auf Gut Koberwitz eine Reihe von Vorträgen für Landwirte. Sie berichteten von sinkender Bodenfruchtbarkeit, von Pflanzenkrankheiten und von einer Landwirtschaft, die sich zunehmend von natürlichen Kreisläufen entfernte.
Steiners Antwort war eine neue Perspektive auf den landwirtschaftlichen Betrieb: ein lebendiger Organismus aus Boden, Pflanzen, Tieren und Menschen (Steiner 1924).
Hornmist sollte darin eine besondere Rolle spielen.
Boden als lebendiges System
Der Boden ist mehr als ein Substrat für Pflanzen. Moderne Bodenforschung beschreibt ihn als ein komplexes Ökosystem. In einem einzigen Gramm fruchtbarer Erde leben Milliarden Mikroorganismen – Bakterien, Pilze, Einzeller. Sie zersetzen organische Stoffe, bauen Humus auf und stellen Pflanzen Nährstoffe zur Verfügung (Lal 2020).
Biodynamische Landwirtschaft stellt genau diese Prozesse in den Mittelpunkt. Der Boden wird nicht primär als chemischer Nährstoffspeicher betrachtet, sondern als lebendiges System.
BD 500 soll diese biologischen Prozesse stimulieren.
Die Herstellung folgt einem einfachen Ablauf. Frischer Kuhmist wird in Hörner von Kühen gefüllt. Diese werden im Herbst etwa 40 bis 60 Zentimeter tief im Boden vergraben. Während der Wintermonate durchläuft der Mist eine langsame Fermentation.
Wenn die Hörner im Frühling wieder ausgegraben werden, hat sich der Inhalt stark verändert. Aus dem ursprünglichen Mist ist eine dunkle, krümelige Substanz geworden, die intensiv nach Waldboden riecht.
Chemische Analysen zeigen, dass während dieser Reifung komplexe organische Moleküle entstehen – darunter Ligninderivate und mikrobiell gebildete Stoffwechselprodukte (Spaccini et al. 2012).
Viele dieser Substanzen spielen auch in natürlichen Humusbildungsprozessen eine Rolle.
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Wusstest du?
Ein Teelöffel gesunder Boden kann mehr Mikroorganismen enthalten als Menschen auf der Erde leben. Wissenschaftler schätzen, dass weltweit etwa ein Viertel der gesamten Biodiversität im Boden existiert (Lal 2020).
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Dynamisierung – ein ungewöhnlicher Schritt
Vor der Anwendung wird Hornmist in Wasser eingerührt. Biodynamische Landwirte sprechen von Dynamisierung. Dabei wird die Flüssigkeit etwa eine Stunde lang abwechselnd in eine Richtung gerührt, bis ein tiefer Strudel entsteht, und anschließend abrupt in die Gegenrichtung.
Diese Bewegung erzeugt Turbulenzen und verteilt das Präparat gleichmäßig im Wasser.
Die verwendeten Mengen sind überraschend klein. Oft genügt eine Handvoll Hornmist für mehrere Hektar Land.
Trotz dieser geringen Menge berichten viele Landwirte über Veränderungen im Boden.
Der deutsche Bodenwissenschaftler Jürgen Fritz untersucht seit Jahren biodynamische Präparate. Seine Analysen zeigen, dass während der Reifung mikrobiell aktive Substanzen entstehen können, die möglicherweise Bodenorganismen beeinflussen (Fritz 2019).
Die genaue Wirkungsweise ist jedoch noch nicht vollständig verstanden.
Landwirte beobachten dennoch häufig ähnliche Veränderungen: lockere Bodenstruktur, mehr Regenwürmer, kräftigere Wurzeln.
Langzeitexperimente liefern zusätzliche Hinweise. Besonders bekannt ist der DOK-Versuch in der Schweiz, der seit 1978 verschiedene Landwirtschaftssysteme miteinander vergleicht.
Die Ergebnisse zeigen unter anderem höhere biologische Aktivität im Boden ökologischer und biodynamischer Systeme (Mäder et al. 2002).
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Wusstest du?
Der DOK-Langzeitversuch läuft seit über 40 Jahren. Er gehört zu den weltweit längsten landwirtschaftlichen Feldexperimenten und umfasst inzwischen mehr als hundert wissenschaftliche Veröffentlichungen.
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Zwischen Praxis und Forschung
Hornmist ist ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich landwirtschaftliche Praxis und wissenschaftliche Erklärung manchmal verlaufen.
Landwirte arbeiten mit Beobachtung, Erfahrung und langfristigen Veränderungen im Boden. Wissenschaft arbeitet mit kontrollierten Experimenten und messbaren Variablen.
Beides trifft in der biodynamischen Landwirtschaft aufeinander.
Fest steht: Bodenfruchtbarkeit hängt stark von biologischen Prozessen ab. Und genau auf diese Prozesse zielt BD 500 ab.
Ob als mikrobieller Stimulus, als Fermentationsprodukt oder als Teil eines umfassenden landwirtschaftlichen Systems – Hornmist bleibt ein faszinierendes Element moderner regenerativer Landwirtschaft.
Quellen
Steiner, R. (1924) Agriculture Course: The Birth of the Biodynamic Method.
https://www.rsarchive.org/Lectures/GA327/English/RSP1974/19240607p01.html
Spaccini, R. et al. (2012) Molecular characteristics of biodynamic preparation 500.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22707205/
Mäder, P. et al. (2002) Soil fertility and biodiversity in organic farming.
https://science.sciencemag.org/content/296/5573/1694
Lal, R. (2020) Soil biodiversity and ecosystem services.
https://www.fao.org/3/cb1928en/cb1928en.pdf
Hinweis zur biodynamischen Praxis
Die biodynamische Landwirtschaft ist sowohl eine landwirtschaftliche Methode als auch eine spirituell-philosophische Praxis. Viele ihrer Wirkprinzipien – insbesondere im Zusammenhang mit biodynamischen Präparaten – können von der heutigen naturwissenschaftlichen Forschung noch nicht vollständig erklärt werden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass keine Wirkung existiert. Langfristige agrarwissenschaftliche Untersuchungen zeigen wiederholt positive Effekte biodynamischer Bewirtschaftung auf Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und ökologische Stabilität landwirtschaftlicher Systeme.
Die Frage ist daher weniger, ob diese Methoden wirken, sondern vielmehr, ob unsere aktuellen wissenschaftlichen Modelle bereits alle Prozesse lebendiger Böden vollständig verstehen. Bei The Garden in the Woods suchen wir immer wieder Kontakt und Austausch zu Forschern in dem Bereich Forst- und Agrarforschung.