Dauerwälder als Antwort auf den Klimawandel: Wie der Wald der Zukunft schon heute entsteht

Das Problem: Wälder im Wandel – krisenanfällig und eintönig

Die deutschen Wälder stehen unter Druck. Trockenheit, Stürme, Borkenkäferbefall – die Klimakrise schlägt spürbar zu. Besonders betroffen sind monotone Altersklassenwälder mit nur einer Baumart wie Fichte oder Kiefer. Diese klassischen Nutzwälder geraten ins Wanken, wenn Extremwetter, Schädlinge oder Wassermangel zuschlagen. Ihre einheitliche Struktur bietet weder ökologische Resilienz noch langfristige Wirtschaftlichkeit (von der Goltz & Mayr, 2024).

Für Waldbesitzer und Forstbetriebe bedeutet das: sinkende Erträge, steigende Risiken, politischer und gesellschaftlicher Druck zum Umdenken. Gefragt ist ein Wald, der gleichzeitig ökologisch stabil, ökonomisch tragfähig und anpassungsfähig an den Klimawandel ist. Genau hier setzt das Konzept des Dauerwaldes an.

Die Lösung: Dauerwald – Mischwald mit Struktur und Prinzip

Der sogenannte Dauerwald ist kein romantisches Naturreservat, sondern ein Wirtschaftsmodell mit ökologischer Intelligenz. Der Begriff wurde vom deutschen Forstwissenschaftler Alfred Möller 1922 geprägt. Sein Ansatz: Der Wald wird nicht in regelmäßigen Abständen kahlgeschlagen, sondern bleibt durch selektive Einzelbaumnutzung dauerhaft erhalten – mit verschieden alten Bäumen und möglichst vielen Arten (Möller, 1922).

Fünf Prinzipien bilden den Kern der Dauerwaldwirtschaft:

  1. Kahlschlagsfreie Einzelbaumentnahme

  2. Dauerhafter Waldboden- und Humuserhalt

  3. Vielfalt bei den Baumarten

  4. Unterschiedliche Altersstufen im Bestand

  5. Ständig lebender Holzvorrat (Dauerwaldstiftung, o. J.)

Dabei wird nicht auf Holznutzung verzichtet – im Gegenteil: Der Wald bleibt produktiv. Er wird aber wie ein lebender Organismus behandelt, in dem Eingriffe vorsichtig, nachhaltig und naturnah erfolgen (Wikipedia, 2024a).

Ursprung und Entwicklung: Vom Ideal zur Institution

Alfred Möller, Professor an der Forstakademie Eberswalde, war seiner Zeit voraus. Sein Buch Der Dauerwaldgedanke. Sein Sinn und seine Bedeutung (1922) wurde zunächst belächelt. Die Forstwirtschaft jener Zeit setzte weiter auf großflächige Kahlschläge, Aufforstung mit wenigen Arten und planwirtschaftlich kalkulierte Holzmengen (Wikipedia, 2024b).

Erst Jahrzehnte später griffen innovative Förster wie Friedrich von Kalitsch oder Wilhelm Bode Möllers Vision wieder auf. Letzterer führte in den 1980er Jahren im Saarland erstmals flächendeckend eine Dauerwaldstrategie in einem Landesforst ein (Bund Deutscher Forstleute, 2023).

1950 wurde die „Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft“ (ANW) gegründet – ein Zusammenschluss von Forstleuten und privaten Waldbesitzern, der sich für Möllers Prinzipien einsetzt. Heute zählt die ANW über 1.000 Mitglieder in Deutschland und ist in nahezu allen Bundesländern aktiv (ANW, o. J.).

Praktische Umsetzung: Der Dauerwald von Castell

Wie funktioniert ein Dauerwald in der Praxis? Ein Vorzeigeprojekt ist der Forstbetrieb der Fürstlich Castell’schen Verwaltung in Bayern. Im Revier Lisberg, unter der Leitung von Förster Christoph Arndt, wird seit Jahrzehnten konsequent auf Dauerwald gesetzt. Das Revier umfasst 631 Hektar, der Gesamtbetrieb rund 4.600 Hektar Waldfläche (VG Burgebrach, 2024).

Früher dominierten hier Fichte und Kiefer mit über 90 %. Heute wurde der Bestand aufgelockert: Fichte hat nur noch einen Anteil von 10 %, Kiefer etwa 42 %. Stattdessen finden sich nun Edellaubhölzer wie Buche, Eiche, Tanne oder sogar seltene Arten wie Wildbirne und Eibe (VG Burgebrach, 2024).

Arndt und sein Team fördern vor allem die natürliche Verjüngung: Statt mit Maschinen aufzuforsten, sorgen sie über gezielte Lichtregulierung und Wildbestandspflege für Bedingungen, unter denen sich der Wald selbst erneuert. „Wir ernten Holz wie Obst – selektiv und im Einklang mit dem Bestand“, erklärt Arndt bei Waldführungen (VG Burgebrach, 2024).

Faktenbasierte Anekdoten: Von der Theorie zur Praxis

Die Geschichte des Dauerwalds kennt beeindruckende Erfolgsgeschichten. Friedrich von Kalitsch wandelte schon Anfang des 20. Jahrhunderts ein völlig übernutztes Revier bei Bärenthoren in Sachsen-Anhalt in einen mehrstufigen Mischwald um. Die Ergebnisse waren so überzeugend, dass 1922 über 3.000 Förster das Modellrevier besuchten – ein beispielloser Andrang (Bund Deutscher Forstleute, 2023).

Im heutigen Betrieb Castell zeigt sich: Das System funktioniert auch wirtschaftlich. Trotz kontinuierlicher Holzernte bleibt der Vorrat im Wald konstant hoch. Und: Je älter und strukturreicher der Bestand, desto wertvoller das Holz.

Warum funktioniert Dauerwald? Die Erfolgsfaktoren

  1. Strukturelle Vielfalt
    Unterschiedliche Baumarten und Altersklassen machen den Wald widerstandsfähiger gegen Klimaextreme und Schädlinge (von der Goltz & Mayr, 2024).

  2. Stabiler Holzertrag
    Statt in Zyklen von Jahrzehnten große Mengen auf einmal zu ernten, generiert der Dauerwald regelmäßige Einnahmen durch Einzelstammentnahme (ANW, o. J.).

  3. Bodenschutz und Humusaufbau
    Der Wald bleibt als geschlossener Lebensraum erhalten, was die Bodenerosion verringert und Nährstoffe speichert (Dauerwaldstiftung, o. J.).

  4. Förderung der Biodiversität
    Mehrschichtige Bestände bieten Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten – vom Schwarzspecht bis zur Orchidee (GreenAgain, o. J.).

  5. Klimaschutz
    Dauerwälder binden durch ihr konstantes Wachstum über Jahrzehnte hinweg große Mengen CO₂ – besser als Aufforstungen mit schnellen Einschlägen (GreenAgain, o. J.).

Relevanz heute: Dauerwald als Leitbild

Landesforstverwaltungen wie ThüringenForst oder ForstBW (Baden-Württemberg) haben Dauerwaldprinzipien teilweise in ihre Betriebsmodelle übernommen. Die Diskussion um „Klimawälder“ orientiert sich zunehmend an naturnahen Konzepten, in denen Vielfalt und Struktur im Vordergrund stehen (ThüringenForst, 2022).

Private Waldbesitzer und Genossenschaften entdecken den Dauerwald neu – auch, weil Fördermittel zunehmend an Nachhaltigkeitskriterien gebunden sind. Zudem wächst das gesellschaftliche Bewusstsein für den Wald als Schutzraum und Klimaregulator.

Fazit: Der Wald der Zukunft ist bereits im Entstehen

Der Dauerwald ist kein fernes Ideal, sondern eine real existierende Lösung. Er vereint Ökologie und Ökonomie, Tradition und Innovation. Durch seine selektive Nutzung, Artenvielfalt und Beständigkeit ist er bestens gerüstet für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Viele forstliche Praktiker sehen ihn bereits als das Modell der Zukunft – einen Zukunftswald, der seine Wurzeln in der Vergangenheit hat.


Quellen

ANW (o. J.) Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft. Verfügbar unter: https://www.anw-deutschland.de (Zugriff am: 5. August 2025).

Bund Deutscher Forstleute (2023) Dauerwald – eine bewährte Idee für die Zukunft. Verfügbar unter: https://www.bdf-online.de/aktuelles/news/dauerwald-eine-bewaehrte-idee-fuer-die-zukunft (Zugriff am: 5. August 2025).

Dauerwaldstiftung (o. J.) Was ist der Dauerwaldgedanke? Verfügbar unter: https://dauerwaldstiftung.de/was-ist-der-dauerwaldgedanke (Zugriff am: 5. August 2025).

GreenAgain (o. J.) Dauerwald: Ein Zukunftsmodell für gesunde Wälder. Verfügbar unter: https://www.greenagain.de/dauerwald (Zugriff am: 5. August 2025).

Möller, A. (1922) Der Dauerwaldgedanke. Sein Sinn und seine Bedeutung. Berlin: Springer.

ThüringenForst (2022) 100 Jahre Dauerwaldidee – ein Rückblick und Ausblick. Verfügbar unter: https://www.thueringenforst.de/aktuelles-service/aktuelle-meldungen/detailseite/100-jahre-dauerwald-idee (Zugriff am: 5. August 2025).

VG Burgebrach (2024) Waldführung im Dauerwald des Forstbetriebs Castell. Verfügbar unter: https://www.vg-burgebrach.de/gemeinde-schoenbrunn-i-steigerwald/aktuelle-nachrichten-schoenbrunn/2024/10/waldfuehrung-durch-den-forst-castell (Zugriff am: 5. August 2025).

Wikipedia (2024a) Dauerwald. Verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Dauerwald (Zugriff am: 5. August 2025).

Wikipedia (2024b) Alfred Möller (Forstwissenschaftler). Verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_M%C3%B6ller_(Forstwissenschaftler) (Zugriff am: 5. August 2025).

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